Stellenwert der Schlacht bei Minden

Die Schlacht bei Minden hat mich in den letzten Jahren immer wieder begleitet, aber so richtig habe ich dafür keine Zeit gefunden. Jetzt hat mich Hans-Heinrich Nolte animiert, für die Zeitschrift für Weltgeschichte einen Artikel zu schreiben, der in einer der nächsten Ausgaben erscheinen wird. Schon vorweg ein paar Anmerkungen dazu, denn die genauere Beschäftigung mit dem Thema brachte für mich einige neue Erkenntnisse.

Da ist zum einen die Tatsache, dass sich die englische Forschung viel intensiver mit der Personalunion und den hannoverschen Verhältnissen im 18. Jahrhundert auseinander gesetzt hat als die deutsche bzw. die niedersächsische Forschung. Zwar gibt es mehrere deutsche Sammelbände dazu, aber die spannenden Beiträge stammen von Autoren wie Jeremy Black oder Brendan Simms, die über die britisch-deutschen Beziehungen jeweils umfangreiche Arbeiten veröffentlicht haben. So ganz klar ist mir auch nicht, woran das liegt. Insgesamt ist die niedersächsische Forschung eher zurück haltend, hat aber auch kaum quellennahe Untersuchungen angestellt. Andererseits bildete die hannoversche Verbindung aus englischer/britischer Sicht eine elementare Herausforderung für das eigene Selbstverständnis. Die Konfrontation einer parlamentarisch kontrollierten Monarchie mit einem Monarchen, der aus einer Region stammte, die gerade dabei war, absolutistische, d.h. ohne ständische Mitsprache konstruierte Territorien aufzubauen, war eines der zentralen Themen der englischen Öffentlichkeit. Dazu kam noch, dass die kontinentale Verbindung des Landes die Frage aufwarf, in welche Richtung sich Großbritannien in Zukunft auch räumlich entwickeln sollte: mehr nach Übersee oder doch mehr auf Europa konzentriert.

Der Siebenjährige Krieg bildete hierbei eine entscheidende Wende: Auch wenn Pitt später behauptete, Amerika sei in Europa erobert worden, so steckte dahinter mehr eine Rechtfertigung seines früheren Verhaltens als leitender Minister Georgs II.

So ganz unrecht hatten die britischen Kritiker der Personalunion in der Tat nicht. Kurhannover band nicht nur britische Kräfte, sondern auch britische Konzentration. Was das bedeutete, war bei der Konvention von Westminster überdeutlich geworden. Bei dem Versuch, Hannover, das sich nicht selbst verteidigen konnte, vor einem englischen (nicht französischen!) Angriff zu schützen, war man einen Vertrag eingegangen, der den österreichischen Bündnispartner ebenso verstörte wie Frankreich als Bündnispartner Preußens. Der dann folgende Bündniswechsel war also mehr ein „Versehen“ der englischen Diplomatie als ein gezielter Wechsel. Dahinter stand die Sorge Georgs II. für sein Stammterritorium. Die Sinnhaftigkeit dieses Territoriums war in der Tat fragwürdig oder zumindest diskussionswürdig, weshalb Georg I. schon die Aufhebung dieser Verbindung in sein Testament aufgenommen hatte, allerdings hatte sich sein Sohn nicht daran gehalten.

Andererseits war Kurhannover auch für die anderen Beteiligten ein problematisches Territorium, nicht zuletzt für Österreich, das mit allen Mitteln verhindern wollte, das ein neutrales Reichsland in Kriegshandlungen gezogen wurde. So wurde in Wien zwischen hannoverschen und kaiserlichen Vertretern über eine Neutralität des Landes verhandelt, ohne dass ein Ergebnis erzielt werden konnte. Österreich hatte dabei nur ein Ziel: Französischen Truppen sollte die Möglichkeit gegeben werden, durch Hannover nach Osten gegen Magdeburg vorzustoßen und damit Preußen von Westen anzugreifen. Hannover diente dabei nur als Durchgangsland.

In der Forschung wurde das bislang immer eher anders gesehen, denn da wurde in Kurhannover ein für Frankreich attraktives Kompensationsgeschäft gegen amerikanische Verluste gesehen. Zwar hatte diese Interpretation auch einiges für sich, aber die Intentionen und das Verhalten der Akteure sprechen eine andere Sprache.

Hauptziel der französisch-österreichischen Aktivitäten im Nordwesten des Reiches war der Angriff auf Preußen. Der allerdings gelang nicht und wurde vorrangig in der Schlacht bei Minden am 1. August 1759 gestoppt, wenngleich die französischen Armeen auch danach noch im Westen des Reiches agierten. Damit wurden erhebliche Truppen (bis zu 100.000 Mann) in Europa gebunden und vor allem enorme Ressourcen hier und nicht in Amerika verbraucht. Insofern ist Pitts Argument richtig.

Wichtiger aber scheint mir, dass durch die Niederlage der französischen Truppen und ihrer Verbündeten bei Minden der Weg nach Osten weiterhin verhindert wurde. Wäre das gelungen, hätte Preußen nicht den Herbst 1759 überlebt.
Die Schlacht bei Minden wirft damit die Frage nach den Zusammenhängen der einzelnen räumlichen Zusammenhänge des Siebenjährigen Krieges neu auf.

Von mir u.a. verwendete Literatur:
Black, Jeremy: The continental commitment: Britain, Hanover, and interventionism 1714 – 1793, London u.a. 2005.
Black, Jeremy: America or Europe?: British foreign policy ; 1739 – 63, London u.a. 1998.
Duchhardt, Heinz: Balance of Power und Pentarchie: internationale Beziehungen 1700 – 1785, Paderborn u.a. 1997.
Simms, Brendan: Three victories and a defeat : the rise and fall of the first British Empire, 1714-1783, London 2007.
Simms, Brendan; Riotte, Torsten: The Hanoverian Dimension in British History, 1714-1837, o. O. 2007.

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Published in: on Juli 22, 2013 at 10:02 pm  Schreibe einen Kommentar  

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